Für eine neue Kultur des Reisens

Die Lage im Tourismus könnte gegenwärtig nicht ernster sein: Wo Destinationen noch im vergangenen Jahr ob der vielen Touristen sprichwörtlich um Luft rangen, ringen sie gerade ums wirtschaftliche Überleben – Zukunft ungewiss. Manchem wird bewusst, dass der long tail of tourism nicht nur der Titel eines lesenswerten Buchs ist, sondern tägliche touristische Wahrheit: Die Wertschöpfungskette der tourism industry ist lang, unglaublich lang.

Bei der Lektüre des englischen Guardian in der vergangenen Woche konnte man sich nicht des Eindrucks erwehren, als wäre der Tourismus weit mehr als “nur” angezählt: The End of Tourism titelte Christopher de Bellaigue dort und – um es gleich vorwegzunehmen – er liefert bedenkenswerte Argumente für einen fundamentalen Neuzuschnitt des Tourismus, wie wir ihn bis dato kannten.

Reisen um des Reisens willen lässt de Bellaigue nicht durchgehen, das wird sehr schnell deutlich. Besondere Gefahren gingen seiner Meinung nach vom Kreuzfahrt- und Städtetourismus oder von Reisen in Entwicklungsländern aus. Und ja, dem Tourismus fehle es an Resilienz, die andere Industrien in weit größerem Ausmaß bieten könnten. Terroranschläge, Wirtschaftskrisen oder – wie aktuell – eine Pandemie und die wirtschaftliche Fallhöhe der am Tourismus Beteiligten ist beinahe unbegrenzt. All das garniert mit einer Feststellung, die für viele Tourismusverantwortliche sicher schmerzlich, aber wahr ist: Tourism is an unusual industry in that the assets it monetises (…) do not belong to it.

Liegt de Bellaigue richtig? Ja und Nein. Er irrt sicher, wenn er dem Tourismus derart pauschal Verfehlungen vorwirft. Reisen und Tourismus bestehen mehr als nur aus internationalen Konzernen, die vermeintlich oder tatsächlich auf Kosten anderer wirtschaften und arbeiten. Er verkennt, dass touristische Arbeitsplätze eben nicht outgesourct werden können, sondern ansonsten wirtschaftlich wenig erschlossenen Gebieten Wertschöpfung garantieren. Und schließlich blendet er aus, dass sich eine große Zahl an touristischen Aktivitäten auf der Ebene kleiner und mittelständischer Unternehmen abspielt – beispielsweise Familien, die seit Generationen ein Hotel führen, mit weniger als 20 oder 30 Angestellten.

Andererseits führt er Argumente ins Feld, mit denen sich jeder im Tourismus zukünftig auseinandersetzen muss. Tourismus, der durch fragwürdige Konzepte quantitativen Wachstums geradezu provoziert und durch ebenso fragwürdige Flugpreise angeheizt wurde, kann so nicht erneut fokussiert werden. Auch ein sehr kritischer Blick auf die sharing economy wird unausweichlich, die unter dem Siegel des “Teilens” Sozialstandards untergräbt und eine Fülle negativer, gesellschaftlicher Konsequenzen mit sich bringt. Daneben, und auch da stimme ich de Bellaigue zu: Es braucht zukünftig Mittel und Wege, Tourismusströme intelligent zu steuern – und zu bepreisen. Tages- und Eventtouristen (high impact, low value) stehen gegen quality tourists. Also: Schafft Orte, die einen längeren Aufenthalt ermöglichen – für eine neue Kultur des Reisens, regional und verantwortungsbewusst. Vergesst Hotspots, die nur geschaffen wurden, um ein schnelles Selfie zu machen. Letztlich schaden sie mehr, als sie nützen – auch hier in Südtirol.

So sehr nun also seitens des Tourismus, der Hotellerie und der Gastronomie vertrauensbildende Maßnahmen gegenüber (potentiellen) Gästen gefordert sind, so sehr muss sich eine breite Diskussion anschließen, welchen Tourismus die Bewohner vor Ort wollen, in welchem Umfang und mit welcher Intensität. Und ja, ein Ergebnis dabei könnte sein, dass eine Destination und ihre Menschen weit mehr können, als nur eine beliebige Eventkulisse abzugeben. Denn alle am Tourismus Beteiligten haben ein Recht darauf, dass Reisen wieder etwas wird, was es schon immer war: Etwas Besonderes.

P.S.: Es gibt interessante Beispiele auf diesem Gebiet. Lübeck und Travemünde haben kürzlich ihr Tourismuskonzept bis 2030 fortgeschrieben und einen dezidiert qualitativen Ansatz gewählt. Und Dr. Stathis Kefallonitis, ein Experte auf dem Gebiet des Neuromarketings und Brandings, hat in einem lesenswerten Gastbeitrag für PAX International formuliert, was jetzt ansteht für die Reiseindustrie.

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