Mein Kollege Max Mescher von mescher.media brachte es neulich ganz treffend auf den Punkt: Gerade bei der Kommunikation im Mobilitätsbereich sollte die Deutung nicht anderen überlassen werden. Im folgenden Beitrag möchte ich daher zeigen, warum Innovationen Bedeutung über ihre technische Funktion hinaus, einen klar erkennbaren Nutzwert und vor allem viel Vertrauen brauchen.
Ein neues Flugzeug kann leiser und sparsamer fliegen. Ein Fahrzeug kann autonom navigieren. Eine Software kann Prozesse vereinfachen.
Das sind – zugegeben wichtige – technische Eigenschaften. Sie entwickeln aber noch längst kein stimmiges Gesamtbild einer besseren, einfacheren, sinnollen Zukunft.
Eine Innovation wird erst dann wirklich relevant, wenn Menschen verstehen, welches Problem sie löst, was sich dadurch konkret verändert und warum sie der Lösung vertrauen können. Genau hier beginnt Innovationskommunikation.
- Viele Unternehmen beschreiben ihre Innovationen vor allem aus der Perspektive der Entwicklung. Sie sprechen über Leistungsdaten, Patente, Pilotprojekte und technische Möglichkeiten oder Meilensteine.
- Für die Entwicklungsabteilung, Investoren und Fachpartner sind diese Informationen unverzichtbar.
- Für Kunden, Mitarbeitende, Politik, Medien und Öffentlichkeit stellen sich jedoch andere Fragen: Was bedeutet diese Entwicklung für meinen Alltag genau? Wer profitiert davon? Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein? Und was ist wann möglich?
Vom Feature zum Nutzen
Technische Kommunikation beschreibt, was eine Lösung kann. Gute Innovationskommunikation erklärt, warum sie wichtig, unverzichtbar und wirklich nutzbringend ist.
Zwischen einem bloßen technischen Merkmal und einem tatsächlichen gesellschaftlichen Nutzen liegen Bedingungen, Vorbehalte und offene Fragen. Infrastruktur muss vorhanden sein. Prozesse müssen angepasst werden. Menschen müssen die Lösung akzeptieren und anwenden können. Regulierung, Sicherheit, Wirtschaftlichkeit und Alltagstauglichkeit müssen stimmig sein.
Eine gute Übersetzungsfrage für die Kommunikation von Innovationen lautet deshalb: Was bedeutet dieses technische Merkmal für das konkrete Leben, Arbeiten oder Entscheiden der Menschen?
Eine Innovation braucht mehrere Perspektiven
Innovationen werden von unterschiedlichen (Ziel- oder Personen-)Gruppen aus unterschiedlichen Gründen bewertet. Deshalb reicht eine einzige, womöglich sehr techniklastige Botschaft selten aus. Es braucht eine gemeinsame, belastbare Grundlage und verschiedene Perspektiven darauf.
- Die Investor Story beantwortet die Frage, warum ein Vorhaben wirtschaftlich tragfähig werden kann. Sie beschreibt Marktpotenzial, Geschäftsmodell, Wettbewerbsvorteile, Risiken und die nächsten Meilensteine. Ein Satz wie „Wir verändern einen Markt“ genügt dafür nicht. Entscheidend ist, welcher Markt gemeint ist, welches Problem besteht und woran sich Fortschritt messen lässt.
- Die Customer Story fragt, ob eine Lösung ein konkretes Problem besser löst als bisherige Alternativen. Kunden interessieren sich für Anwendung, Zuverlässigkeit, Aufwand und Integration in den eigenen Alltag oder Betrieb. Die Customer Story beginnt deshalb nicht beim Feature, sondern beim Nutzungsszenario.
- Die Public Story richtet den Blick auf Sicherheit, Fairness, Lebensqualität, Arbeitsplätze, Umwelt und die Verteilung von Chancen und Belastungen. Das ist besonders bei Mobilitäts- und Infrastrukturprojekten wichtig. Eine neue Lösung betrifft oft auch Menschen, die sie nicht selbst kaufen oder nutzen. Ihre Fragen verdienen aber ebenfalls eine verständliche und ehrliche Antwort.
„Unfertige“ Technologien brauchen keine fertige Geschichte
Erschwerend kommt hinzu: Viele Unternehmen warten mit der Kommunikation, bis ein Produkt vermeintlich marktreif oder vollständig zertifiziert ist. Das ist verständlich. Niemand möchte Erwartungen wecken, die später enttäuscht werden.
Gleichzeitig entsteht die öffentliche Wahrnehmung auch dann, wenn ein Unternehmen schweigt. Andere erklären die Technologie, bewerten ihre Folgen und setzen den Rahmen der Diskussion.
Die Lösung kann also nicht darin bestehen, eine unfertige Technologie als fertiges Produkt darzustellen. Entscheidend ist eher eine klare Einordnung, Schritt für Schritt:
- Was ist heute bereits möglich?
- Was wird gerade getestet oder entwickelt?
- Was ist der nächste konkrete Schritt?
- Welche Voraussetzungen müssen noch erfüllt werden?
- Welche Fragen sind offen? Und wo sehen wir noch Herausforderungen?
All das schützt vor überzogenen Erwartungen und schafft eine verlässliche Grundlage für den Dialog.
Vision und Realität zusammenbringen
Ja, Innovationen brauchen Visionen. Sie geben Richtung, motivieren Menschen und machen Investitionen möglich. Schwierig wird es, wenn eine Vision sprachlich wie eine bewiesene Realität behandelt wird.
„Wir revolutionieren den Verkehr“ klingt sicher gut. „Wir entwickeln eine Lösung, die auf bestimmten Verbindungen eine schnellere und emissionsärmere Option ermöglichen könnte“ ist zurückhaltender, aber deutlich belastbarer.
- Glaubwürdige Kommunikation unterscheidet deshalb zwischen dem, was bereits nachgewiesen ist, dem, was angestrebt wird, und dem, was noch geprüft werden muss.
- Sie benennt Zielkonflikte. Eine neue Mobilitätslösung kann Wege verkürzen und zusätzliche Infrastruktur erfordern. Ein automatisiertes System kann Beschäftigte entlasten und Verantwortlichkeiten verändern. Eine digitale Plattform kann den Zugang erleichtern und zugleich Fragen nach Daten und Kontrolle aufwerfen.
Wer solche Fragen offen anspricht, zeigt, dass Verantwortung und Lernbereitschaft Teil des Projekts sind. Ganz im Sinne der Kaizen-Methode: Schrittweise Verbesserungen, über die man fortwährend kommuniziert.
Technologie verständlich machen
Verständliche Kommunikation bedeutet demnach für uns, sie in einen Entwicklungszusammenhang zu stellen.
Statt eine Entwicklung nur als „skalierbar“, „autonom“, „disruptiv“ oder „KI-gestützt“ zu beschreiben, lohnt sich der Blick auf konkrete Situationen:
- Was erlebt der Nutzer davon?
- Welche Entscheidung wird einfacher?
- Welcher Arbeitsschritt verändert sich?
- Was wird möglich, was bisher nicht möglich war?
- Welche Grenzen bleiben bestehen?
Das gilt für ein elektrisches Flugzeug ebenso wie für einen autonomen Shuttle, eine digitale Logistiklösung oder eine neue Technologie in einem Industrieunternehmen. Wer nur das Produkt erklärt, erklärt oft zu wenig. Innovation funktioniert immer in einem größeren System aus Zielgruppen, Zukunftserwartungen, Geschäftsmodellen, der Faszination am Neuen und den begleitenden Unsicherheiten.
Innovation braucht Bedeutung
Technologie kann neue Möglichkeiten schaffen. Ob daraus tatsächlich Zukunft wird, entscheidet sich jedoch an ihrer Bedeutung, ihrem konkreten Nutzen und dem Vertrauen, das Menschen in ihren Einsatz entwickeln.
Innovationskommunikation sollte deshalb früh beginnen. Sie sollte erklären, was bereits erreicht wurde, wohin die Entwicklung führt und welche Fragen noch offen sind. Sie sollte technische Qualität sichtbar machen und zugleich zeigen, wie eine Lösung das Leben, Arbeiten und Zusammenleben wirklich und sinnvoll verändern kann.
Wer Innovationen kommuniziert, muss nicht jedes Risiko kleinreden und nicht jedes Ziel als sicheren Erfolg darstellen. Orientierung zu geben, Zusammenhänge zu erklären und offen für den Dialog zu bleiben, sind wesentlich wichtigere Faktoren auf der Reise in die technologische Zukunft.
Zum Autor
Benjamin Zwack, MBA, ist Gründer von zwack.marketing und berät Unternehmen, Organisationen, Verbände und Regionen zu Strategie, Kommunikation, Transformation und Marketing. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf der verständlichen und glaubwürdigen Kommunikation von Veränderung, insbesondere in Mobilität, Luftfahrt, Logistik, Nachhaltigkeit und Regionalentwicklung.
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Foto: Julian Geiser
