Im Gespräch mit Gregor Müller: Elektrisch fliegen dank MD Aircraft

Wir machen Schweres leicht und geben Komplexem eine Form.“ Unter diesem plakativen Firmenmotto treten die Unternehmen der MD Group auf und unterstreichen dabei ihre Kernkompetenz im Leichtbau – bei MD Composites, MD Flugzeugbau und MD Aircraft, das CO2-neutrales Fliegen schon in naher Zukunft wirtschaftlich machen und so eine echte Mobilitätswende in der Luftfahrt einläuten möchte.

Studie der MDA1

Hinter allen Maßnahmen und Entwicklungen steht die Überzeugung, dass Gewichtsersparnis bei gleichzeitig definierbarer Festigkeit und maximaler Formbarkeit unverzichtbar bei der Entwicklung nachhaltiger Produkte ist.

Nachhaltigkeit steht für die MD Group ohnehin nicht nur bei allen Innovationen, sondern auch bei der Produktion am bestehenden Standort Friedeburg in Norddeutschland und dem geplanten Serienproduktionsstandort am Regionalflughafen Mariensiel in Wilhelmshaven im Fokus: Erklärtes Ziel ist es, die gesamte Produktion CO2-neutral und unter Einsatz selbsterzeugter Energie zu fertigen. Nachhaltigkeit zeigt sich auch beim Materialeinsatz. Dazu kommen in der Produktion bereits heute Verbundstoffe auf Basis von Biofasern wie Flachs zum Einsatz.

Leuchtturmprojekt im Bereich Flugzeugbau ist aktuell die Entwicklung eines rein elektrisch angetriebenen 10-sitzigen Flugzeugs im Segment „eSTOL Commuter“, also eines kompakten Passagierflugzeug, das auch von kleineren Flugplätzen aus dank seiner Kurzstart- und -landeeigenschaften eingesetzt werden kann. Ziel von MD Aircraft ist es, das weltweit erste Flugzeug dieser Art zu zertifizieren und in den globalen Markt zu bringen.

Gregor Müller, CEO MD Aircraft
Gregor Müller, MD Aircraft

Mit Gregor Müller, dem CEO und Co-Founder von MD Aircraft, konnte ich mich kürzlich zu diesem innovativen Vorhaben austauschen. Seine Antworten zeigen eindrucksvoll, welches große Potenzial in der MDA1 steckt.

Benjamin Zwack: Sie bezeichnen die MDA1 eViator als eine Art „VW-Bus der Lüfte“ für Regionalstrecken. Welches konkrete Mobilitätsproblem lösen Sie damit und warum ist dafür gerade ein elektrisch betriebenes Flugzeug so gut geeignet?

Gregor Müller: „Mobilität ist ein Wirtschaftsfaktor! Leistungsfähige Mobilitätsangebote ermöglichen Wertschöpfungsketten und verbinden Regionen sowie Märkte. Batterieelektrische regionale Luftmobilität kann bis 2040 ein relevanter Bestandteil des deutschen und europäischen Mobilitätssystems werden. Sie stärkt Regionen, verkürzt Reisezeiten, reduziert Emissionen und nutzt bereits bestehende Infrastruktur effizient. Batterieelektrische Luftfahrzeuge (mit 9 bis 19 Sitzen, mit bis zu 400 oder 500 km Reichweite) erreichen ihre technologische Reife ab den 2030er Jahren.

Die im Jahr 2024 in Deutschland insgesamt 1.100 Mrd. pro Jahr geleisteten Personenkilometer verteilen sich zu ca. 75% auf das Auto, ca. 10% auf die Bahn und 15% auf den Flugverkehr innerdeutsch und international ab Deutschland (Quelle MiD / BMV).

Die individuelle Mobilität mit dem Auto ist deshalb anteilig so hoch, weil die Bahn- und Flugangebote nicht in die Peripherie des Landes reichen. Ohne Auto ist man schlichtweg abgehängt. Deutschland verfügt aber über ein enges Netz regionaler Flugplätze, das heute nur begrenzt für die Individualmobilität genutzt wird. Bis zum Jahr 2040 kann batterieelektrische regionale Luftmobilität in Deutschland 20 bis 40 Mrd. dieser vorgenannten Personenkilometer pro Jahr übernehmen. Sie ersetzt primär Pkw‑Verkehr und reduziert konventionelle Kurzstreckenflüge. Damit entsteht ein neues, emissionsfreies Verkehrssystemsegment, das strukturschwache Regionen stärkt und Reisezeiten massiv verkürzt – ohne die Bahn zu kannibalisieren.

Damit dieses neue Angebot auch umgesetzt werden kann, benötigt es eben die passenden Multi-Purpose-Commuterflugzeuge wie die MDA1 eViator, die mit ihren bis zu 60% geringeren Betriebskosten gegenüber vergleichbaren ICE-Flugzeugen [ICE = Internal Combustion Engine, also Flugzeugen mit Verbrennungsmotoren bzw. herkömmlichen Turbinen] den Betrieb deutlich wirtschaftlicher macht und gleichzeitig auch de-karbonisiert und so einen hohen Impact auf die Klimawirkung schafft.“

Elektrisch-betriebene Regionalflugzeuge könnten kleine Flughäfen und abgelegene Regionen völlig neu vernetzen. Welche Rolle spielt die gesellschaftliche und technische Akzeptanz für den Erfolg solcher Konzepte? Welche Schritte sind dafür aus Ihrer Sicht (noch) notwendig, beispielsweise von den Flugplatzbetreibern?

„Knappe Antwort: Für den Erfolg des Konzeptes eine ganz große Rolle! Neben der Politik, die entsprechende und verlässliche Rahmenbedingungen schaffen muss, braucht es Akzeptanzkommunikation auf allen Ebenen und von allen Stakeholdern. Das Konzept muss gut erklärt und vorgestellt werden, damit die Menschen für dieses Konzept begeistert und mitgenommen werden.

Dafür scheint in der Vergangenheit bereits gute Akzeptanzkommunikation geleistet worden zu sein, denn die politische und wissenschaftliche Kommunikation betont, dass elektrische und hybride Antriebe ein zentraler Baustein der klimaneutralen Luftfahrt sind. Regionale elektrische Luftmobilität wird als realistisch, leise und gesellschaftlich akzeptabel eingeschätzt – besonders für Strecken von 100 bis 500 km, wo Bahn oder Auto wegen der mittlerweile ungenügenden und überlasteten Infrastruktur oft langsam oder unflexibel sind.

Für regionale elektrische Luftmobilität in Deutschland und Europa ist die gesellschaftliche Akzeptanz somit kein Showstopper, sondern ein beherrschbarer Erfolgsfaktor, mehrere wissenschaftliche Studien führen dazu belastbare Nachweise.

Das Eco-System Elektrisches Fliegen besteht aus dem Dreiklang Flugzeug, Operator und regionaler Flughafen bzw. Flugplatz. Am Flughafen / Flugplatz braucht es die passende Ladeinfrastruktur. Es ist technologisch heute schon leistbar, diese bereit zu stellen. Flugplatzbetreiber, die heute mit dem zukünftigen Angebot des elektrischen Fliegens mehr Chancen als Risiken erkennen, werden die Gewinner sein und Ihre Flughäfen zu Mobilität-Hubs und zu zukünftigen Wirtschaftsstandorten in der Region für die Region entwickeln können.“

Blick in die Fertigungshalle für Segelflugzeuge bei MD Flugzeugbau

Fliegen ist einerseits sehr sicher, gilt aber durchaus als emotional sensibel bei neuen Technologien vermutlich noch viel mehr. Wie kann man Ihrer Meinung nach das Vertrauen in elektrische Luftfahrt aufbauen, bevor Menschen überhaupt das erste Mal damit geflogen sind?

„Fliegen ist tatsächlich ein hochsicherer Verkehrsträger, aber gleichzeitig emotional sensibel und neue Technologien verstärken dieses Spannungsfeld. Vertrauen entsteht deshalb nicht erst im Flugzeug, sondern lange vorher. Die Menschen müssen das Gefühl haben: Diese Technologie ist erprobt, nachvollziehbar und unter Kontrolle. Entscheidend sind demnach vor allem drei Dinge:

  • Erstens Transparenz: Menschen müssen verstehen, warum elektrische Flugzeuge sicher sind.
  • Zweitens erlebbarer Nutzen: Leiser, sauberer, schneller.
  • Und drittens ein schrittweiser Einstieg über vertraute Betreiber und reale Demonstrationen. Wenn Sicherheit sichtbar und der Mehrwert spürbar ist, wächst Akzeptanz ganz natürlich.“

Vielen Dank für unseren Austausch, Gregor Müller!

Weitere Informationen zum MDA1 unter https://md-aircraft.com/

Alle Fotos und Illustrationen: md-gruppe.com