Im Gespräch mit Martin Kellerhals: Flughäfen als Innovationsökosysteme

Mit Martin Kellerhals konnte ich kürzlich über die zukünftige Rolle von Flughäfen sprechen. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, Wissen, Menschen und Organisationen über Branchen, Kulturen und Grenzen hinweg zu verbinden.

Mit KM Knowledge Management International unterstützt er seit über 25 Jahren Unternehmen dabei, Wissen in nachhaltige Leistung umzuwandeln, mit den Schwerpunkten Luftfahrt, Führung und EFQM Excellence. Er ist zudem Mitglied der Schweizerischen Vereinigung für Flugwissenschaft (SVFW) der ETH Zürich und der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) sowie Lehrbeauftragter bei der ipso Bildung AG.

In unserem Gespräch erläutert er seinen Blick auf das wichtige Wissens- und Innovationsmanagement im Kontext von Luftfahrt und Mobilität – und welche Zukunftsvision er dabei hat.

Herr Kellerhals, Sie sehen Flughäfen als Wissens- und Innovationsökosysteme. Warum – und wie – können sie konkret dazu beitragen, internationale Forschung und die Ansiedlung globaler Unternehmen zu fördern?

Flughäfen sind längst nicht mehr „nur“ Infrastrukturanbieter, sondern Knotenpunkte komplexer Wertschöpfungs- und Wissensnetze – mit Airlines, Bodenabfertigung, Logistik, Behörden, Hochschulen, Startups und Technologiepartnern. In Mandaten erlebe ich immer wieder, wie viel brachliegendes Innovationspotenzial allein in diesen Schnittstellen steckt.

Konkret können Flughäfen internationale Forschung und die Ansiedlung globaler Unternehmen fördern, indem sie:

  • gezielte Innovationsplattformen aufbauen (z.B. Innovation Hubs, Testbeds für Automatisierung, Robotik, KI), die Pilotprojekte mit Industrie und Hochschulen systematisch ermöglichen.
  • Datenökosysteme bereitstellen, in denen operative Daten strukturiert geteilt und für Forschung, Optimierung und neue Geschäftsmodelle genutzt werden.
  • als Standortentwickler agieren und Ökosysteme mit Forschungsinstituten, Corporate Labs und wissensintensiven Dienstleistungen aktiv ansiedeln – in der Schweiz, in Europa und weltweit lässt sich beobachten, dass erfolgreiche Hubs genau das tun.

Der Flughafen Zürich ist ein gutes Beispiel: Mit dem ZRH Innovation Hub und der Transformation vom Datensilo hin zu einem integrierten Datenökosystem wird Innovationsarbeit bewusst organisiert und international anschlussfähig gemacht.

In Ihrer Arbeit als EFQM Assessor und im Wissensmanagement betonen Sie die Bedeutung strukturierter Wissensflüsse. Welche Rolle spielt Wissensmanagement in der Luftfahrt, insbesondere im Hinblick auf Sicherheit und Innovation?

In der Luftfahrt ist Wissensmanagement kein „Nice-to-have“, sondern ein Sicherheitsfaktor – und gleichzeitig der Motor für Innovation. Aus EFQM-Assessments kenne ich Organisationen, die hochmodern fliegen, aber beim Management von Wissen, Daten und Erfahrungen noch erstaunlich analog unterwegs sind. Wesentliche Rollen sind:

  • Sicherheit: Standardisierte Verfahren, aktuelle Dokumentation und nachvollziehbare Lesebestätigungen stellen sicher, dass kritische Informationen alle relevanten Personen rechtzeitig erreichen. Das reduziert Fehler und stärkt Compliance.
  • Operative Exzellenz: Strukturiertes Erfassen von Vorfällen, „Lessons Learned“ und Best Practices macht Organisationen lernfähig – von der Wartung über die Flugsicherung bis zur Passagierabfertigung.
  • Innovation: KI-gestützte Wissenssysteme können unstrukturierte technische und regulatorische Informationen auswerten und so neue Lösungen, z.B. im Bereich Predictive Maintenance oder digitale Assistenz für Crews und Techniker, ermöglichen.

In meinem eigenen Papier „Wissensmanagement in der Luftfahrt: Schritt für Schritt zum Erfolg“ betone ich deshalb das TOM-Modell – Technik, Organisation, Mensch – als integralen Ansatz, um Sicherheit und Innovation miteinander zu verbinden.

Mit Blick auf die Zukunft: Welche Herausforderungen und Chancen sehen Sie für Flughäfen und die Luftfahrtbranche in Bezug auf Nachhaltigkeit, Digitalisierung und Wissensmanagement?

Europa (Stichwort „Green Deal“) und internationale Initiativen treiben Flughäfen und Airlines in Richtung Netto-Null-Emissionen bis 2050, was massive Investitionen in Infrastruktur, Prozesse und Technologien auslöst. Gleichzeitig beschleunigen Digitalisierung und KI die Transformation der gesamten Branche – von Passagierprozessen über Flugplanung bis zur Wartung.

Ich sehe drei eng verknüpfte Schwerpunkte:

  • Nachhaltigkeit als strategischer Rahmen: Elektrifizierung am Boden, nachhaltige Baustoffe, Sustainable Aviation Fuels und Flughäfen als Energie-Hubs werden zum Standard. Wer hier glaubwürdig vorangeht, bleibt für Investoren und Talente attraktiv.
  • Digitalisierung als Enabler: Datenplattformen, integrierte IT-Lösungen und KI helfen, Abläufe zu optimieren und CO₂-Emissionen messbar zu senken; Studien zeigen signifikante Einsparpotenziale durch intelligente IT- und Optimierungslösungen.
  • Wissensmanagement als Bindeglied: Ohne strukturierte Wissensflüsse zwischen Partnern, Standorten und Generationen von Mitarbeitenden bleiben Nachhaltigkeits- und Digitalisierungsinitiativen Insellösungen. In vielen Projekten sehe ich: Technologie ist selten der Engpass – es scheitert eher an Rollen, Prozessen und Kultur.

Viele Flughäfen stehen damit vor derselben Aufgabe: sich vom Infrastrukturbetreiber zum lernenden, vernetzten Ökosystem zu entwickeln – in der Schweiz, in Europa und weltweit.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Kellerhals!