Im Gespräch mit Julien Figur: Buslogistiker aus Überzeugung

Julien Figur ist Co-Founder der NXT M. GmbH. Seit 16 Jahren ist er in der Buslogistik aktiv, über 500 Projekte hat er für Events und Unternehmen erfolgreich umgesetzt. Zudem ist er Host des Podcasts „geradeaus. Der Mobilitätspodcast“ und Autor des LinkedIn-Newsletters „Buslogistik. Klartext.“ Ich hatte Gelegenheit, mit ihm einen Mobilitäts-Deepdive in Sachen Buslogistik zu machen. Die Branche ist wirklich spannend – und Julien weiss, wovon er spricht. Hier mein Interview mit ihm.

Benjamin Zwack: Was hat Dich ursprünglich für die Buslogistik begeistert, und was fasziniert Dich heute noch an Mobilität und Logistik?

Julien Figur: Ehrlich? Das war Zufall. Ich wollte eigentlich nur einen Job neben dem Studium, irgendwas, bei dem ich den Kopf fürs Lernen frei habe. Im Bewerbungsgespräch meinte mein damaliger Chef: „Ich zahl dir das Studium.“ Da dachte ich, das passt doch.

Das war André Schlattermund, leider inzwischen verstorben. Er hat mich für die Branche begeistert. Rausgekommen ist ein Job, der mich bis heute nicht loslässt. Deshalb auch die Gründung der NXT M. GmbH, ganz frisch, zusammen mit meinem Geschäftspartner Stephan Dümpelfeld-Ruhle.

„Gerade gegründet“: Julien Figur (links) und Stephan Dümpelfeld-Ruhle.

Was mich heute noch hält, sind die Menschen. Die Zusammenarbeit mit unseren Buspartnern ist fast familiär. Da gibt es keine Konzernpolitik und keine drei Abstimmungsschleifen. Wenn um 23 Uhr ein Bus ausfällt, ruft man an, und es wird gemeinsam gelöst. Diese Hands-on-Mentalität nehme ich aus jedem Projekt mit, das bereichert mich jedes Mal wieder.

Benjamin Zwack: Wenn Du Dich jemandem vorstellst, der nicht aus dem Mobilitätsbereich kommt: Was machst Du genau?

Julien Figur: Ich besitze keinen einzigen Bus. Ich sorge dafür, dass die richtigen Busse zur richtigen Zeit am richtigen Ort stehen.

Am ehesten wie im Restaurant: Sie bestellen Ihr Steak medium und müssen nicht die Küche führen. Unternehmen kommen mit einer Frage, etwa „Wie bringen wir 600 Schichtmitarbeitende zuverlässig ins Werk?“ oder „Wie kriegen wir 1.200 Gäste vom Hotel zur Firmenveranstaltung und nachts wieder zurück?“. Wir entwickeln das Konzept, suchen die passenden Busunternehmen aus und steuern das Ganze.

Julien Figur (links) im Einsatz in Sachen Buslogistik.

Und dann gibt es ein Thema, das mich gerade sehr beschäftigt. Die Branche ist wenig vernetzt, und es fehlt an einer klaren Datenlage, auf deren Basis man gute Entscheidungen treffen kann. Da setzen wir an. Mit jedem Transfer entstehen Datenpunkte: Auslastung, Pünktlichkeit, Wartezeiten. Die wollen wir nutzen, damit Kunden und Busunternehmer transparenter und besser entscheiden können. Erste Ergebnisse zeigen wir in den nächsten Wochen.

Benjamin Zwack: Welche Rolle können Busse bei der nachhaltigen Mobilität von Mitarbeitenden, Veranstaltungsbesuchern und Reisenden spielen?

Julien Figur: Eine riesige, wenn man gebündelt denkt. Wir haben dafür einen eigenen CO2-Rechner gebaut, der den Reisebus im Charterverkehr direkt mit dem Auto vergleicht. Der geht in Kürze mit unserer neuen Homepage online. 

Ein Rechenbeispiel: eine Firmenveranstaltung mit 1.000 Gästen, je 40 Kilometer hin und zurück. Mit dem Auto reisen bei üblicher Besetzung 715 Pkw an. Mit dem Bus sind es 20 Busse. Das spart knapp 12 Tonnen CO2, rund 90 Prozent. Und gegenüber der Kilometerpauschale ist der Bus sogar gut 4.000 Euro günstiger.

Der Haken: Der Bus muss voll sein und pünktlich. Ein halbleerer Bus, der zehn Minuten zu spät kommt, ist schlechter als gar keiner, weil danach keiner mehr einsteigt. Nachhaltigkeit entsteht in der Planung.

Benjamin Zwack: Welche Veränderungen erwartest Du in den kommenden Jahren durch Digitalisierung, Elektromobilität und neue Mobilitätsangebote?

Julien Figur: Früher hat ein Bus richtig Strecke gemacht, um Geld zu verdienen. Heute verdienen Busunternehmer mit 100 bis 200 Kilometern am Tag richtig Geld, im Shuttle, im Werksverkehr, bei Events. Das hat sich verschoben. Und deshalb ist der E-Bus heute weit mehr als ein Nice-to-have. Er passt ins Geschäftsmodell.

Die Hürden liegen woanders: die Anschaffungskosten und die Umrüstung des Betriebshofs. Über öffentliche Ladeinfrastruktur und Förderung kann man auch noch lange diskutieren, da ist Luft nach oben.

Bei der Digitalisierung sehe ich den größten Sprung in der Steuerung, also Buchung, Auslastung, Live-Tracking. Da hing die Branche lange hinterher.

Benjamin Zwack: Was muss sich bei Unternehmen, Politik und Gesellschaft ändern, damit der Bus stärker als moderne und attraktive Alternative zum Auto wahrgenommen wird?

Julien Figur: Wir sind Autoland, klar. Aber gerade bei den deutschen Herstellern passiert viel, die denken Mobilität selbst neu. Das färbt auf die Autofahrer ab.

Vor 15, 16 Jahren war der Bus ein Highlight, wenn ich vor einer Schule die Straße sperren durfte und vier Busse standen da, um Schüler zum Ausflugsziel zu bringen. Seit etwa zwölf Jahren ist der Bus in der Businesswelt angekommen. Es gibt noch Dinos, die lieber den eigenen Fuhrpark auslasten oder Taxis buchen, als zum Business-Event mit dem Bus zu fahren. Aber das sind deutlich weniger geworden. In fast jedem größeren Eventkonzept spielt der Bus heute eine Rolle, und wer Nachhaltigkeit ernst nimmt, hat hier einen großen Hebel.

Bei der Fananreise sieht das anders aus. Das dicke Brett ist die öffentliche Hand. Bei 50.000 Fans zahlt der Veranstalter einen ÖPNV-Anteil pro Ticket, und niemand weiß genau, wie viele den ÖPNV tatsächlich nutzen. Da liegt Potenzial brach, gerade wenn Sportevents nachhaltiger werden sollen.

Und dann das Personal. In Deutschland gibt es rund 100.000 gewerblich beschäftigte Busfahrerinnen und Busfahrer. Bis 2030 gehen Zehntausende in Rente, gleichzeitig soll das Angebot wachsen. Der VDV rechnet bis dahin mit rund 110.000 nötigen Neueinstellungen. Und wer quer einsteigen will, zahlt für Führerschein Klasse D plus beschleunigte Grundqualifikation bei der IHK zwischen 10.000 und 15.000 Euro. Das ist mehr als ein Bachelorstudium an einer staatlichen Uni. Da muss die Politik ran, sonst fehlen uns die Buspiloten, egal wie gut die Konzepte sind.

Im Einsatz zwischen Bussen, Fahrplänen und den vielfältigen Ad-hoc-Herausforderungen (mit KI-Unterstützung erstellt).

Benjamin Zwack: Was ist der häufigste Fehler, den Unternehmen bei der Busplanung machen?

Julien Figur: Sie rufen den erstbesten Busunternehmer an und fragen nach einem Preis, bevor klar ist, was sie eigentlich brauchen. Wer zwölf Busse bestellt, braucht oft neun, nur zu anderen Zeiten. Erst die Frage, dann das Angebot. Das spart Geld und Nerven auf beiden Seiten.

Benjamin Zwack: Danke für unseren interessanten Austausch!