„Die Ottobahn ist keine revolutionäre Erfindung, sondern eine Weiterentwicklung und Kombination erprobter Technologien.“
Marc Schindler ist nicht nur Managing Director der ottobahn GmbH. Er selbst bezeichnet sich in seiner E-Mailsignatur als „Can Do Officer“. Und das ist er tatsächlich. Im Gespräch mit ihm wird schnell klar, wie Marc denkt und arbeitet: Offen und aufgeschlossen berichtet er von seinem Projekt und warum die Ottobahn in Zukunft für neue Mobilität sorgen kann. Sein Anspruch: Er möchte Bestehendes verbessern und so Innovationen möglich machen – ganz konkret im Nahverkehr, der vielerorts ein „Upgrade“ verdient hätte. Das Besondere an der Ottobahn: Sein System eignet sich nicht nur für den Personen-, sondern auch für den Frachttransport.

Hier lest Ihr das gesamte Interview, das ich mit Marc Schindler über die Ottobahn geführt habe. Er berichtet darin über die Vorteile und nächsten Schritte des Projekts Ottobahn und welche Herausforderungen ihm dabei vor allem in Deutschland immer wieder begegnen.

Benjamin Zwack: Marc, wie würdest Du die Ottobahn jemandem erklären, der noch nie davon gehört hat und welches Verkehrsproblem soll sie lösen?
Marc Schindler: Unsere Städte stehen vor einem fundamentalen Engpass. Verkehrsflächen sind überlastet und Emissionen steigen. Neue Infrastruktur am Boden ist kaum noch realisierbar und autonome Fahrzeuge auf der Straße lösen dieses Problem nicht. Gleichzeitig wächst der weltweite Bedarf an effizientem Personen- und Gütertransport exponentiell, während beim Angebot an qualifizierten Fahrern für den ÖPNV zunehmend Mangel herrscht.
Ottobahn bietet eine Plattform, die es ermöglicht, den Transport in eine neue Ebene zu verlagern – über die bestehenden Straßen: Unser Hochbahn-System ist schienengeführt, elektrisch betrieben und vollautonom. So adressieren wir Staus und Flächenknappheit, schaffen flexible Verbindungen, entlasten Straßen und gewinnen wertvollen Raum am Boden.

Das erinnert an die Wuppertaler Schwebebahn, jedoch setzen wir auf deutlich kleinere Kabinen, die vollautonom on-demand verkehren und sowohl Menschen als auch Güter direkt zum Ziel befördern. Unser Anspruch ist es, die Effizienz des ÖPNV mit dem Komfort des Individualverkehrs in einer Lösung zu verbinden.
Technologisch setzt die Ottobahn auf die sichere Rad-Schiene-Technologie. Elektrisch angetrieben verkehren Gondeln auf etwa 10 m hohen Schienen. Ein KI-basiertes Leitsystem optimiert Routen und ermöglicht kombinierte Personen- und Gütertransporte nach Bedarf. Für Passagiere bietet es Komfort und direkte Verbindungen; für Unternehmen eine digitale, flexible Transportplattform.
Benjamin Zwack: Was war für Dich der persönliche Auslöser, ein solches Verkehrssystem zu entwickeln?
Marc Schindler: Ich lebe in München und jeder, der hier lebt, weiß, dass die Verkehrssituation gelinde gesagt unbefriedigend ist. Die Stadt wächst seit Jahren. Mit dem Auto stehst du ständig im Stau. Gleichzeitig kommt der ÖPNV-Ausbau nur schleppend voran. Nehmen wir die zweite S-Bahn-Stammstrecke, die nicht mehr 2028, sondern erst zwischen 2035 und 2037 fertig werden soll. Elf Kilometer Strecke bei Kosten von derzeit geschätzten 8,5 Milliarden Euro.
Aber nahezu alle Metropolen stehen vor vergleichbaren Herausforderungen, gerade Mega Cities in Asien und Afrika. Dem Ottobahn-Mitgründer und -Initiator Frank Heinrich fiel in Bangkok auf, als er mal wieder schwitzend mit dem Taxi im Stau stand, dass der Sky Train, also die lokale Hochbahn, vom Stau nicht berührt war. So reifte die Idee, den Personen- und Güterverkehr einfach über die Straßenebene zu verlegen, allerdings eben autonom und On-Demand, jenseits von Fahrplänen und Bahnhöfen. Robotaxis auf Schienen quasi.
Benjamin Zwack: Was sind die nächsten Schritte, damit aus der bisherigen Entwicklung ein real eingesetztes Verkehrssystem wird? Gibt es dabei noch Hürden, seien es technische oder im Blick auf die Akzeptanz?
Marc Schindler: In Deutschland ist die größte Hürde ist der fehlende Mut, den ersten Schritt zu tun. Wir brauchen eine erste kommerzielle Anwendung, bei der andere Entscheidungsträger sehen können, wie gut das System in der Realität funktioniert. Dafür braucht es eigentlich keine Visionäre, denn anders als beim Bau der ersten U-Bahn oder Eisenbahn ist die Ottobahn keine revolutionäre Erfindung, sondern eine Weiterentwicklung und Kombination erprobter Technologien. Wir haben viele konkrete Anfragen aus dem In- und Ausland. Der Knoten wird aber erst platzen, wenn wir die Pilotstrecke gebaut haben. Und in den aktuellen Gesprächen zeigt sich, dass der notwendige Mut außerhalb Deutschlands sehr viel größer zu sein scheint.
Benjamin Zwack: Wenn wir uns die Ottobahn für den Personenverkehr vorstellen: welchen Vorteil hätten Städte und Ihre Bewohner von ihr?

Marc Schindler: Für die Städte und ÖPNV-Betreiber ist der klare Kostenvorteil einer Ottobahn zu nennen. Sowohl die Errichtung als auch der Betrieb sind wesentlich günstiger als S- oder U-Bahn-Systeme. Wir rechnen mit etwa 5 Millionen Euro pro Streckenkilometer. Bei S- und U-Bahn sind das gerne 50 und 100 Millionen Euro.
Außerdem profitieren die Menschen in den Städten davon, dass wir mit unseren schlanken Masten zur Aufständerung der Strecke nahezu keine Fläche am Boden benötigen. Ein Kilometer Ottobahn versiegelt die Fläche von lediglich 1,5 Parkplätzen. Die Kabinen werden elektrisch angetrieben und die Strecke wollen wir begrünen und damit aktiv etwas für das Klima tun.
Unsere Passagiere kommen im Vergleich zu anderen ÖPNV Angeboten sehr viel schneller an ihr Ziel. Die Ottobahn verkehrt staufrei im eigenen Mobilitätsraum über den Straßen. Da kann man dann ganz entspannt über stehende Autos hinweg gleiten. Geschwindigkeiten in der Stadt sind bis zu 60 km/h. Entscheidend ist aber, dass es ohne Zwischenhalte direkt zum Ziel geht. Natürlich wird die Ottobahn in den jeweiligen ÖPNV-Tarifverbund eingegliedert und ist dementsprechend erschwinglich.
Wir glauben, dass die Ottobahn Städte aufwertet. Besagte Wuppertaler Schwebebahn ist seit über 100 Jahren in Betrieb und DAS Wahrzeichen der Stadt schlechthin.
Benjamin Zwack: Wenn wir zehn Jahre vorausblicken: Wo möchtest Du dann mit der Ottobahn stehen und wie soll sich bis dahin die Mobilität ganz generell verändert und verbessert haben?
Marc Schindler: In zehn Jahren ist besagte zweite S-Bahn-Stammstrecke fertiggestellt. Und die Ottobahn flankiert Bus und Bahn dort, wo es sinnvoll ist. Da der Megatrend der Verstädterung ungebrochen ist, wird es zwingend neue Mobilitätslösungen geben müssen. Schon jetzt werden Autofahrer zunehmend Nutzer, nicht mehr Halter, Car-Sharing boomt.
Mikrolösungen für Kurzstrecken wie E-Scooter haben ebenfalls Bewegung in den Verkehr gebracht. Klassischer ÖPNV kann einer höheren Nachfrage im Grunde nur auf zwei Arten begegnen: Entweder werden Busse oder Bahnen länger oder aber die Taktung wird angepasst.

Lösungen wie unsere umgehen diese Problematik, denn die Ottobahn kommt on-demand. Und das zu jeder Uhrzeit, denn die Kabinen operieren autonom. Das ist ein weiterer Trend, der ja in Bayern schon 2008 erkannt wurde, denn seitdem kommt Nürnbergs U-Bahn ohne Fahrer aus, bis dato ohne Zwischenfälle.
Veröffentlichung der Fotos und des Logo mit freundlicher Genehmigung der ottobahn GmbH.
